Ich wache auf, als wäre die Nacht nur eine dünne Decke aus Stroh gewesen.
Kaum Schlaf, eher ein schräges Dazwischen. Der Körper ist müde. Immerhin ist der Kopf ruhig.
Vielleicht habe ich zu viel gegessen (ähhhm, nein), vielleicht zu viel gedacht. Vielleicht war es auch nur der Rest vom Schneefeld in den Beinen.
Dieses Rutschen, das Vertrauen, der kleine Rest Angst, der sich zwischen die Muskeln legt und dort weiterschläft, wenn man die Augen für die Nacht schließt.
Auch diesen Morgen mache ich, was ich hier immer mache.
Ich gehe los.

Padjelanta empfängt mich, als hätte es auf mich gewartet. Der Weg legt sich freundlich unter meine Füße. Holzbohlen ziehen sich durch Sumpf und über Geröll. Sie heben mich über all das, was mich ausbremsen könnte. Es ist, als hätte jemand gesagt – Du kümmerst dich um das Gehen, ich kümmere mich um den Boden.
2020 im Sami -Museum in Jokkmokk das erste Mal gelesen. An diese Stelle einfach nur erneut geschrieben.
Aus der Samischen Sprache:
Mija Ednama
Das Land gehört uns.
Wir gehören dem Land.
Nieselregen hängt noch im Gras, aber über den Bergen kommt schon helles Grau, das verspricht, irgendwann vielleicht sogar blau zu werden. Ich höre das leise Trommeln der Tropfen auf der Regenjacke, spüre das weiche Nachgeben der Bohlen, rieche nasses Holz, kaltes Wasser und Erde
Nach dem ersten Anstieg wird der Regen dünner. Die Wolken reißen auf wie Vorhänge und dahinter stehen Regenbögen. Nicht einer. Viele. Immer wieder neue.
Immer wieder spannt sich irgendwo ein Bogen in die Luft. Vielleicht möchte der Himmel ja testen, wie oft er mich noch zum Staunen bringen kann, bevor ich mich daran gewöhne…
Ich gehe ein paar Schritte, bleibe stehen.
Denke – Bin ich der Einzige, der ihn gerade sieht?
Denke gleich danach – Wäre er auch da, wenn niemand hinschaut?
Die Antwort liegt in der Art, wie der Wind die Tropfen treibt. Er gibt sich keine Mühe, mir etwas zu beweisen. Er weht einfach. Der Regen fällt einfach.
Das Licht bricht sich einfach. Alles ist da, ob ich staune oder nicht.


In meinem Kopf meldet sich das andere Leben.
Das aus Unbehagen und Qual über das was ist. Obwohl das was ist, durchaus wunderbar daherkommt.
Das mit Terminen, Mails und Tabs, die man zu schnell wieder schließt, bevor man den Satz zu Ende gelesen hat.
Ich sehe mich vor einem Bildschirm sitzen, Tag um Tag, Stunde um Stunde.
Das Summen der Heizung (wenn sie denn funktioniert), die ewige Baustelle vor dem Fenster, die Lüftung des Rechners, die gleiche Handbewegung, immer wieder. Klicken, tippen, löschen, senden. An dieses feine Surren im Kopf, wenn man zu lange nur mit den Augen arbeitet und den Rest vom Körper vergessen hat.
Das Leben fühlt sich kurz an, wenn man jeden Tag über Stunden auf den Bildschirm schaut.
Dieser Satz kam einfach so. Stand plötzlich da und blieb. Ich sah den Regenbogen, hörte die Geräusche meiner Schuhe auf den Planken und spürte gleichzeitig all diese Tage, an denen die Zeit zwischen Mails und Terminen verdampft war. Neun Uhr, zwölf Uhr, Neunzehn Uhr, und irgendwo dazwischen noch schnell etwas eingeschoben,
das „sich lohnt“.
Nicht schlecht, nicht gut. Nur weg.
Wednesday
Hier draußen war nichts weg. Jeder Schritt war ein Schritt. Jede Stunde war eine Stunde. Es kostete Kraft, ja. Aber es gab auch etwas zurück. Nicht in Erfolgen, sondern in Bildern und Gefühl. In Momenten, die nicht verschwanden, sobald man das Fenster schloss. Als würde die Zeit selbst mitgehen, statt vor mir wegzulaufen.
Ein Satz von Wednesday fällt mir ein.
Sie sagte in der gleichnamigen Serie, sie habe FoBi – fear of being included.
Die Angst, völlig integriert zu sein. Völlig dazuzugehören,
Nicht nur dazuzugehören, sondern vielleicht sogar so dazu zu gehören, dass man verschwindet. So ganz eingebaut zu sein in ein System, das einen nur noch als Teil eines Ganzen sieht. Austauschbar. Ersetzbar. Immer online, immer verfügbar.
Wahrscheinlich müsste ich zeitgemäß antworten: „Fühle ich.“
Wie sehr man sich nach Randzonen sehnt, nach Orten, an denen niemand etwas von einem will. Und das alles mit dem gleichen müden Witz, mit dem man sich gegenseitig in der Erschöpfung abholt.
Hier draußen brauchte dieser Satz länger, um in mir zu landen.
Integration. Zugehörigkeit. Grenzen. Begriffe, die die Stadt braucht, um sich zu sortieren. Padjelanta ordnete anders. Hier gehörte alles zusammen, einfach, weil es da war. Stein, Sumpf, Wasser, Wind.
Mein schweißnasser Rücken und die alte Angst, nicht zu genügen.
Niemand fragte, ob ich integriert war. Der Weg lag da. Ich ging.


Stáloukta
Hinter Stáloukta geht es steil hinauf.
Das Dorf bleibt zurück wie ein alter Freund der auf einen weiteren Besuch an einem anderen Tag hofft.
Die Planken kleben nass auf den Steinen. An den steilen Stellen haben Menschen Drahtgeflecht gespannt, Metallhaken ins Holz geschlagen. Hände, die ich nicht kenne, haben sich die Mühe gemacht, dass ich hier nicht ausrutsche.
Trotzdem rutsche ich fast. Oft. Aber eben nur fast.
Einmal steht der Fuß quer, das Herz springt, der Rucksack reißt am Gurt, der Stock fängt mich.
Wie nah das alles beieinander liegt.
Gehen. Fallen. Weitergehen.
Árasluokta
In Árasluokta mache ich Pause.
Das Wetter ist gnädig, ich kann draußen an einem Tisch sitzen, zwischen den Hütten, die aussehen, als würden sie für den ersten Schneesturm des Winters üben.
Eine kleine Kirche steht da. Ein paar Häuser, Boote am Ufer. Holz, das ordentlich aufgestapelt ist. Türen, die auf den ersten Blick verschlossen sind, und trotzdem ausstrahlen, dass hier gelebt wird. Im Sommer wohnen hier Sámi-Familien.
Dann werden Netze ausgeworfen, Boote ins Wasser geschoben, Rentierherden gezählt, Geschichten weitererzählt. Geschichten über Rentiere die früher einmal mit den Menschen sprechen konnten. Und vom Wind aus dem Norden, der kommt und dir ins Ohr flüster das es Zeit ist.
Menschen aus der Stadt können Hütten mieten, Urlaub machen.
Aber heute bin ich allein.
Ich sitze da und stelle mir vor, wie im Winter alles unter Schnee verschwindet.
Wie die Wege mit demselben Ernst freigeschaufelt werden, mit dem hier jetzt die Sommergäste erwartet werden, obwohl keiner da ist. Wie die Kirche im Sturm leise knackt und trotzdem stehen bleibt. Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, ob im Winter hier wieder Leben einkehrt. Es könnte aber sein und dann wäre es vielleicht so.
Ich trinke mein kaltes Flusswasser, kaue auf meinem IronWill Fruchtkuchen herum und denke daran, wie ich mir zuhause oft nicht erlaube in Ruhe zu essen.
Der Weg ist gut, ich komme schnell voran. Die Bohlen tragen mich immer weiter. Laddejahkka will ich noch erreichen heute. Die Namen der Hütten liegen wie kleine Leuchtpunkte auf meiner Karte. Es tut gut, ein Ziel zu haben, das nicht Karriere heißt.



Ich passierte wieder wilde Flüsse. Wasser, das sich nicht bremsen ließ. Schaumkronen über Steinen, Strudel, die kurz alles hinunterzogen, um es dann in einem anderen Muster wieder auszuspucken. Ich blieb ein paar Mal stehen, legte die Stöcke zur Seite und sah einfach nur zu. Es fühlte sich gut an, Kräfte zu beobachten, die nichts von mir wollten.
Abends, in der Hütte, finde ich im „Leftover-Schrank“ eine geöffnete Packung Reis. Nicht viel. Gerade genug für einen Teller, wenn ich mische, was ich noch habe.
Ich freue mich, als hätte ich im Lotto gewonnen.
Es ist ein kleiner Sieg gegen den konstanten Hunger, der seit Tagen wie ein dünnes Tier in meinem Bauch wohnt und alles frisst, was ich ihm hinhalte.
Reis, Kartoffelpüree, Schokolade, Gedanken.
Ich koche mir ein Festessen aus Resten.
Der Tag legt sich wie eine Decke über mich.
Ein guter Tag. Ein guter Abend.
Am nächsten Morgen gehe ich spät los. Sieben Uhr fühlt sich fast luxuriös an, verglichen mit den frühen Starts an anderen Tagen.
Die Etappe heute ist kurz.
Das Wetter ist fast schon frech freundlich. Sonne, ein paar Wolken, kaum Wind.
Nach ein paar Stunden erreiche ich eine Schutzhütte. Ein Platz, an dem man gut den Tag beenden könnte. Ein See in der Nähe, ebene Flächen für ein Zelt, Windschutz, Wasser.
Ich mal mir aus, wie ich das Zelt aufbaue, mich an den See setze, das Wasser anschaue, nichts tue.
Es ist eine verlockende Vorstellung.
Doch die Beine fühlen sich lebendig an.
Der Himmel ist weit und offen.
Der Wind ist warm genug, um stehen bleiben zu können, ohne direkt auszukühlen.
Der Tag ist zu gut zum Sitzen.
Das denke ich, und gleichzeitig zieht es sich in mir leise zusammen.
Wie oft habe ich mir zuhause gewünscht, einfach sitzen zu dürfen.
Auf dem Sofa, auf einer Parkbank, am Fenster.
Ohne schlechtes Gewissen.
Hier bin ich frei.
Und entscheide mich trotzdem fürs Weitergehen.
Ich merke, wie sich dieses alte Muster meldet, das alles in Listen sortieren will.
Etappen, Kilometer, Höhenmeter, Erfolge.
Aber heute fühlt es sich anders an.
Eher wie ein Geschenk, das ich nicht liegen lassen möchte.
Áhkká
Ich packe den Riegel ein, den ich gerade essen wollte.
Ziehe die Hüftgurte fester.
Gehe weiter, Richtung Áhkká.
Der heilige Berg der Sámi ist noch längst nicht zu sehen, als sein Name in meinem Kopf auftaucht. Áhkká.
Mutterberg.
Ein Berg, den Menschen lange vor mir benannt haben, lange bevor ein GPS hier Linien zog.


Der Weg dorthin wird wieder steiniger.
Die Bohlen verschwinden, stattdessen kommen Felsen und lose Steine, die unter der Sohle wegrollen wollen.
Ich komme langsamer voran.
Es ist eine andere Art von Langsamkeit als die vor dem Bildschirm.
Dort fühlt sie sich oft schwer und klebrig an.
Hier ist Langsamkeit Konzentration.
Jeder Schritt ein eigener Gedanke.
Ich schaue häufiger nach unten als mir lieb ist.
Der Blick sucht Halt.
Trotzdem spüre ich im Rücken die Weite, die hinter mir und neben mir weiterläuft.
Wenn die Sonne hinter einer Wolke verschwindet, wird alles ein bisschen härter.
Wenn sie wieder hervorkommt, wechselt die Welt die Farbe.
Steine beginnen zu leuchten.
Wasser wird zu flüssigem Glas.
Der Berg, der bisher nur eine dunkle Form am Horizont war, bekommt Konturen.
Irgendwann, als der Tag in den späten Nachmittag kippt, taucht Áhkká wirklich vor mir auf.
Der Körper eines Berges, der seit so vielen Wintern Schnee getragen hat, dass ich mit dem Zählen nicht einmal anfangen möchte.
Die Wolken hängen noch tief, aber sie scheinen zu überlegen.
Bleiben wir. Gehen wir. Dann, kurz bevor die Sonne beginnt, wirklich zu sinken, ziehen die Wolken ab.
Wie jemand, der leise den Raum verlässt, ohne die Tür zu knallen.
Dann kam dieses Licht, das man nicht beschreiben kann, ohne ihm gleichzeitig Unrecht zu tun. Der Tag dreht sich in den Abend.
Und plötzlich ist alles anders.
Áhkká steht jetzt klar vor mir, scharf gezeichnet gegen den Himmel. Der See zu seinen Füßen nimmt die Farben auf und zeigt stolz dass er mehr ist als nur kaltes Wasser.
Gold liegt über den Hängen.
Dann ein warmes Orange, das in den Schatten langsam violett wird.
Die schneefreien Flanken des Berges wirken, als hätte jemand mit einem weichen Pinsel darüber gestrichen.
Ich bleibe stehen, vergesse den Rucksack, die müden Füße, die Uhr.
Die Luft ist so klar, dass ich glaube, sie knistern zu hören.
Ich habe Áhkká schon öfter gesehen.
Auf Fotos, auf Karten, mit eigenen Augen und in Sätzen von Menschen, die hier waren.
Aber nicht so.
Nicht in diesem Abendlicht, in dem alles gleichzeitig alt und neu aussieht.


Mir kommt der Satz von heute Morgen wieder in den Sinn.
Das Leben fühlt sich kurz an, wenn man jeden Tag über Stunden auf den Bildschirm schaut.
Hier, in diesem Moment, fühlt sich das Leben nicht kurz an.
Es fühlt sich begrenzt an, ja.
Endlich.
Aber nicht kurz.
Eher wie ein langer Faden, den ich viel zu oft durch enge Nadelöhre gezogen habe, bis er stumpf wurde.
Und der jetzt wieder Luft bekommt.
Ich denke an all die Tage, an denen ich mich gefragt habe, wozu das alles gut sein soll.
An all die Abende, an denen ich zu müde war, um mich über irgendetwas zu freuen, das nicht leuchtet oder piept.
Und jetzt stehe ich hier, schaue einen Berg an, der keine Antworten gibt.
Er steht einfach da.
Und sagt – Ich war schon hier, bevor du deine Fragen gestellt hast.
Ich werde noch hier sein, wenn andere neue stellen.

In meinem Kopf ist es zum ersten Mal seit langem still genug, um das auszuhalten.
Ich denke an Wednesday, an ihre Angst, integriert zu werden.
Ich denke an mich, wie ich hier sitze, weit weg von allem, was man Integration nennt.
Und gleichzeitig so sehr Teil von allem, was hier ist, dass ich nicht mehr weiß, wo ich aufhöre und die Landschaft anfängt.
Vielleicht ist das die Art von Zugehörigkeit, die ich mir immer gewünscht habe, ohne es benennen zu können.
Nicht die Zugehörigkeit zu einem System, das mich nur dann sieht, wenn ich funktioniere.
Sondern zu einem Land, das mich sieht, wenn ich einfach nur gehe.
Ich krieche in den Schlafsack.
Die Beine pochen noch von den Steinen, die Schultern vom Rucksack, aber es ist ein gutes Pochen.
Eines das mir ins Ohr singt. Du warst heute draußen in deinem Leben.
Bevor ich die Augen schließe, habe ich noch einen Gedanken, der warm und leise in mir bleibt.
Vielleicht ist das die eigentliche Aufgabe.
Nicht, die Tage zu verlängern.
Sondern sie so zu leben, dass sie wieder ganz werden.
Damit sie nicht zerbröseln wie ein alter Keks.
Morgen gehe ich weiter. Ein Tag auf Wegen, den ich nicht durch ein Glas betrachten muss. Mit müden Beinen und mit neuen Bildern. Ein Tag, der sich nicht wie ein Fenster anfühlt, sondern wie eine Tür, die offen steht.
Der Berg bleibt.
Ich bin noch hier.

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