
Der Morgen war ein einziges schweres Grau, irgendwo darin der Regen, der nur noch auf ein Zeichen wartete um so richtig loszulegen.
Ich saß im Schlafsack und lauschte diesem schmalen Klangraum aus Wind, Wasser und Nylon.
Es ist erstaunlich, wie schnell so etwas zu Zuhause wird. In der ersten Nacht klingt jeder Windstoß nach Gefahr, am dritten Morgen ist genau dieses Knistern das, was dich beruhigt. Vielleicht kennst du das – Erst ist alles fremd, dann bemerkt man irgendwann, dass man aufgehört hat, sich nach „anderswo“ umzuschauen. Man sitzt einfach da, mit kalten Fingern und merkt, dass die eigene Welt gerade genau so groß ist wie dieses Zelt.
Der Pfad am Ufer begann unscheinbar. Ein Strich durchs Gras, zwischen Steinen hindurch, hinein in dunkle Mulden, die auf der Karte nicht vorkamen. Die ersten Kilometer waren zäh. Manchmal brauchte ich eine halbe Stunde für einen einzigen, nassen steinigen Kilometer. Das Land gab keine klaren Antworten, es zwang mich nur, hinzuschauen und zu spüren, bevor ich den Fuß setzte.
Trotz dieser nötigen Konzentration stritten in mir zwei Sätze.
Der eine bot mir an, umzudrehen. Zurück zu einer Hütte, Tee, Trockenheit und der freundliche Gedanke, dass „morgen ja auch noch ein Tag“ ist. Der andere war nüchterner. Wenn du weitergehst, wird es irgendwann anders. Nicht unbedingt besser – nur anders.
Manchmal ist es genau was zu tun ist. Nur das nächste Stück in Angriff nehmen.


Ich verlaufe mich doch eh nicht…
Das Land öffnete sich langsam. Der Pfad stieg ein wenig, der See sank tiefer und das Grau im Himmel bekam helle Ränder. Fünf Grad vielleicht, der Atem sichtbar, die Finger kurz vor zu kalt ohne Handschuhe.
Viele würden das kein gutes Wetter nennen. Für mich war es aber genau das.
Ein Tag, der nichts verspricht. Außer dass er vergeht, wenn man Schritt für Schritt durch ihn hindurchgeht.
Vorne verzweigten sich die Spuren. Unterschiedliche Wanderwege liefen zusammen, trennten sich wieder, als hätten hier über Jahre Füße, Hufe und Regen eigensinnige Absprachen getroffen. Ich folgte erst der einen, dann der nächsten. Ohne zu merken, wann ich den eigentlichen Pfad verlassen hatte. Irgendwann blieb ich stehen. Nichts sah falsch aus. Doch da war dieses leise Unbehagen, wenn der Körper früher als der Kopf merkt, dass du in die falsche Richtung unterwegs bist.
Die Papierkarte zeigte Norwegen dort, wo ich hinlief. Auf dem Telefon klaffte ein weißer Fleck, genau hier, wo ich stehen geblieben war. Diesen Part hatte ich mir zur offline Nutzung nicht heruntergeladen. Ich verlaufe mich doch eh nicht…
Ich hätte mich gerne hingesetzt. Ging aber nicht. Denn alles war Matsch, Sumpf oder nasse Wiese. Oder alles zusammen. Ärger kam hoch – Schon wieder verlaufen. Schon wieder Zeit verloren. Schon wieder…
Diese alte Geschichte von „du stellst dich an“, du bist zu langsam – wo ist deine Leistung, die schneller ist als jeder Kompass.

Der Fluss war kein Monster, ist er ja nie
Mit der Karte in der Hand merkte ich, wie rasch aus ein paar Schritten ein Urteil über einen ganzen Menschen werden kann. Vielleicht basieren alle Gefühle auf solchen Gedanken, dachte ich. Vielleicht sind sie Geschichten, die wir uns selbst erzählen, bis wir sie glauben.
Wenn das stimmt, müsste ich sie doch aber ändern können.
Nicht: du kannst das nicht.
Sondern: du suchst gerade deinen Weg, und das ist Teil des Weges.
Ja, theoretisch müsste ich das können…
Ich richtete mich nach der Kompass-Nadel. Der See gehörte hinter mich, nicht schräg Rechts. Also zurück. Durch dieselben nassen Stellen, dieselben braunen Wasserlöcher, in denen sich der Himmel spiegelte, als sei es ihm egal, in welche Richtung ich mich ärgerte. Es wurde nichts nass, was nicht schon nass war. Trotzdem knirschte etwas in mir, ein müdes Aufstöhnen darüber, dass man seine Umwege zweimal gehen muss.
Zwischen den sumpfigen Flächen lagen kleine Rücken aus trockenem Boden. Auf einem davon blieb ich stehen. Der Gedanke, hier einfach das Zelt aufzubauen und den Tag ausrollen zu lassen, war verlockend. Tee, Schlafsack, Regen draußen, Ruhe drinnen. Dann fiel mein Blick auf die Karte. Vor mir ein Fluss, den ich so oder so barfuß würde queren müssen. Ich kenne meine Morgen – Kälte, steife Finger, misstrauischer Kopf. Also beschloss ich, meinem Morgen-Ich ein Geschenk zu machen und heute noch durch das Wasser zu gehen.
Der Fluss war kein Monster, ist er ja nie. Aber er nahm sich ernst. Sein Rauschen hing schon eine Weile in der Luft, bevor ich ihn sah. Schuhe aus, Hosen hoch, Rucksackgurte lockern – die kleine, vertraute Choreografie am Ufer. Das erste Wasser an den Füßen war ein Schock, klare Kälte, die blitzschnell hochzog. Ich tastete von Stein zu Stein, jeder Schritt ein kurzer Moment ohne Halt, mit nichts als Vertrauen, dass da vorne wirklich etwas Festes wartet.
Drüben trocknete ich meine Füße, zog die nassen Schuhe wieder an. Es ist ein seltsamer Trost, sich freiwillig in etwas Unbequemes zurückzugeben und zu wissen – Genau so soll es jetzt sein. Kein zweites Paar, keine Abkürzung. Nur dieser Weg, mit diesen Schuhen. Kurz darauf stand das Zelt, ein Dreieck aus Stoff in einer großen, windigen Welt. Als die ersten Tropfen fielen, schloss ich den Reißverschluss.


Nordkalottleden
Die Nacht war ein Wechsel aus Trommeln und Stille. Mal ratterte der Regen auf das Außenzelt, als wollte er hinein, dann hörte er auf, und die Stille legte sich schwer über alles. Ich wachte ein paar Mal auf, lauschte.
Wasser fällt, Stoff hält. Und irgendwo dazwischen schläft ein Mensch.
Am Morgen war alles gefroren. Das Außenzelt steif, jeder Tropfen vom Vortag zu einer kleinen Kugel aus Eis geworden. Der Reißverschluss klemmte, meine Finger klebten kurz am Metall, als ich daran zog. Die Luft biss in der Lunge, als ich den Kopf hinausstreckte. Die Schuhe, noch feucht vom Vortag, waren hart und abweisend. Ein Teil von mir wollte nicht. Nicht raus, nicht weiter, nicht schon wieder Sumpf.
Doch dann ging ich los. Die ersten Schritte waren schwer, ein Widerstand in jedem Gelenk. Nach ein paar Minuten wurde es leichter. Der Körper fand seinen Rhythmus, die Kälte rutschte an den Rand, der Boden unter den Füßen wurde von Bedrohung zu Halt. Und mit diesem Rhythmus kam eine leise, unspektakuläre Freude. Ein warmes Bett und eine Dusche sind schön. Aber dieses stille Gefühl, dass mein Leben gerade stimmt, kenne ich öfter mit kalten und nassen Schnürsenkeln als mit flauschigen Handtüchern.
Der Tag führte hinunter zu Bächen, hinauf auf Rücken und wieder hinunter. Nichts, worüber man Reiseführer schreibt. Nur dieses fortlaufende Oben und Unten, das den Körper müde und den Kopf klar macht. Irgendwo dort vorne würde der Weg auf den Nordkalottleden treffen. Ich wusste das, ohne den genauen Punkt zu kennen. Es ist wunderbar eine Ahnung von etwas Vertrautem zu haben, das wiederkommt.

Roysvatn
Nordkalottleden. Ein Wort mit Gänsehaut für mich.
Ich kannte diesen Abschnitt von früher, nur andersherum. Ich wusste – Vor der Hütte würde das Gelände ruppig werden. Felsen, Geröll und keine Markierungen. Ein Stück Weg, das Geduld verlangt statt Geschwindigkeit.
Der Pfad hielt sich nicht lange daran sichtbar zu sein. Er löste sich auf, wurde zu einer Idee zwischen großen Blöcken aus Stein. Ich kletterte hinauf, stieg wieder hinunter, suchte mit den Augen nach Spuren, die ich vielleicht nur sehen wollte. Erfahrung half, aber sie ersparte mir nicht das alte Gefühl, wieder ganz am Anfang zu stehen. Man kann einen Weg kennen und sich trotzdem verirren. Vielleicht gehört das zusammen.
Am Ende blieb die Richtung als das was wichtig ist und führt. Solange die Berge in der Ferne ungefähr dort lagen, wo ich sie erwartete, stimmte die grobe Linie. Vielleicht ist das in vielen Lebensphasen so. Keine klaren Zeichen, nur eine ungefähre Himmelsrichtung und das stille Wissen, wohin man nicht zurück möchte. Der Rest ist – den nächsten Stein finden, ohne alles zu dramatisieren.
Das Geröll wurde flacher, der Boden ruhiger. Und dann lag Roysvatn vor mir. Mitten in den Bergen von Narvik. Ich hatte sie erreicht. Die Berge, die so wild daherkommen. Und in meiner Fantasie an das Nebelgebirge aus dem Herrn der Ringe grenzen.
Der See dunkel und glatt, als würde er alles Licht in sich behalten. Daneben die Hütte, schief, wettergezeichnet und offen ohne verschlossenes DNT Schloss. Die Tür gab nach, als ich sie drückte. Kein Schloss, kein Riegel. Drinnen roch es nach Holz. Ein Tisch, eine Sofaecke und ein Ofen, der auf einen Abend wartete. Aber niemand da. Warum war die Hütte offen?


Im Hüttenbuch standen Namen, Daten und kurze Sätze. Der letzte Eintrag blieb hängen. Eine Wanderin hatte geschrieben, sie lasse die Hütte bewusst offen. Zu dieser Jahreszeit sollten Türen nicht verschlossen sein, für die, die nach ihr kämen… Naja, naja. ok..
Ein paar Schritte weiter stand eine kleine Zusatzhütte. Darin eine Sauna. Schlicht, eng, eine seltene Wärmequelle in dieser Gegend. Ich blieb in der Tür stehen, spürte, wie mein Körper allein bei der Vorstellung weich werden wollte. Dann kam die Sorge – zu sehr loszulassen, zu sehr runterfahren, morgen nicht mehr hochkommen und festsitzen. Also blieb der Sauna-Ofen kalt. Es war kein Verbot, eher eine vorsichtige Art, gut zu mir zu sein.
Stattdessen nahm ich eine Kerze vom Regal, stellte sie auf den Tisch und zündete sie an. Die kleine Flamme zog einen Kreis aus Licht um sich, ließ die Holzmaserung hervortreten und die Schatten an den Wänden wandern. Draußen rüttelte der Wind an den Brettern, drinnen wurde es still, als würde die Hütte einatmen. Ich saß da, die Hände um eine Tasse gelegt, und merkte, wie der Tag von mir abfiel.
Vielleicht kennst du das: Du sitzt irgendwo zwischen Gestern und Morgen, eine Kerze brennt und plötzlich ist genug Raum für einen ganzen Atemzug. Die Sorgen sind nicht weg, aber sie stehen ein paar Schritte weiter hinten. Es muss nichts entschieden werden. Es darf einfach ein Abend sein, an dem du nur da bist.
Ich schrieb ein paar Zeilen ins Hüttenbuch. Nur ein Dank für diesen Tisch, für die Kerze und für die Idee, solche Hütten hier oben zu bauen. In den Bergen von Narvik.
Dann rollte ich den Schlafsack auf der Matratze aus, legte mein Kissen unter den Kopf und lauschte dem Wind ein letztes Mal.
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