
Die letzten Seifenblasen fliegen weit über das Gras.
Sie flogen.
Natürlich flogen sie.
Eine nach der anderen.
Sie trugen Geschichten in sich, ohne ein einziges Wort zu sprechen.
Erzählten vom Regenbogen. Und nicht einfach nur bunt. sondern als hätte jemand die Farben ein bisschen verdichtet, bevor er sie hineingelegt hat.
Manche platzten sofort, andere schwebten.
Lange.
Viel länger, als es möglich schien.
Eine landete auf meiner Kapuze. Eine auf dem Daumen. Eine trug ein Stück Sonne in sich, das aufblitzte, bevor sie sich in nichts auflöste.
Ich schraube die kleine Dose zu und stecke sie zurück in den Rucksack.
Dann sitze ich noch eine Weile unter dem Berg. Es ist der zweite Tag mit Seifenblasen in der Welt…

Vor mir der Gletscher. Darunter das grüne Tal und ein See. Wasser kommt dünn und hell von den Hängen herab. Über allem dieser blaue Himmel, nach dem ich mich in den vergangenen Tagen so oft umgesehen habe. Heute ist er einfach da.
Ausgerechnet am letzten ganzen Wandertag.
Von den letzten Wochen fallen mir nur wenige Morgen mit Sonne ein. Meist kamen Wolken zuerst. Dann Regen. Dann Nebel und natürlich Wind. Manchmal alles zusammen. Nun kann ich kilometerweit sehen.
Ich habe Glück. So schlicht fühlt es sich an.
Nach einer Weile gehe ich weiter Richtung Hundalshytta. Der schöne Himmel macht den Weg keinen Meter kürzer. Vor mir liegen lange Geröllfelder und ich komme nur langsam voran. Stein für Stein bergauf. Die Füße suchen sich wieder sicheren Tritt, der Rucksack zieht an den Schultern wie immer.
Heute stört mich das kaum.
Schneller könnte ich hier sowieso nicht gehen. Also entfällt die ganze Frage nach dem Tempo. Ich brauche für den nächsten Kilometer eben so lange, wie ich brauche.
Das gefällt meinem Kopf. Überhaupt ist es in ihm still geworden. Mit kleinen Ausnahmen wie gestern in der Lossihytta.
Lange habe ich auf dieser Wanderung darauf gewartet. In den ersten Tagen war da noch so viel von zu Hause. Dinge, die erledigt werden sollten. Gedanken an später. Ideen und fiese Fragen. Das übliche Herumräumen in den eigenen Angelegenheiten. Irgendwann blieb dafür kaum Kraft übrig.
Aufstehen. Essen. Packen. Gehen. Einen Fluss queren. Eine Wegmarkierung suchen. Einen Platz für die Nacht finden. Nasse Sachen aufhängen. Wieder essen. Schlafen.
Den nächsten Tag beginnen und merken, wie sehr diese „verkleinerung“ gut tut.



Meine Kreativität war in den vergangenen Wochen erstaunlich ruhig geworden. Wenig neue Ideen, kaum Pläne ausgedacht, selten dieses innere gehüpfe von einem Gedanken zum nächsten. Früher hätte mich das beunruhigt. Hier draußen empfand ich einfach nur Frieden.
Ein Tag durfte einfach ein Tag sein.
Mehr war oft gar nicht übrig.
Vielleicht brauchen manche Gedanken keinen besseren Gedanken als Antwort. Manchmal brauchen sie einfach nur viele Kilometer, bis sie müde werden.
Am Nachmittag spüre ich, wie erschöpft ich inzwischen bin. Seit fast zwei Wochen gab es keinen richtigen Pausentag mehr. Die Beine werden schwerer. Ich könnte Schlaf gebrauchen. Essen und bisschen mehr Wärme. Am besten sogar einen ganzen Tag mit möglichst wenig Bewegung. Gleichzeitig möchte ich langsamer werden. Mit jedem Kilometer rückt das Ende näher. Ich hatte mich so oft nach Erholung gesehnt. Und nun, da sie bald kommen würde, wollte ich nur das sie mich nicht einholen kommt.
Der Winter hilft jedoch bei der Entscheidung. Er besucht bereits die Bergen. In den Nächten friert das Wasser. Schnee bleibt liegen. Vor wenigen Tagen war die Bewältigung des weiteren Wegs durch zu viel Schnee und Sturm ernsthaft fraglich geworden.
Hunddalshytta
Irgendwann reicht auch eine lange Reise.
Ich weiß das. Mein Körper weiß es wahrscheinlich schon länger.
(Nein, stimmt eigentlich nicht. Eine Pause ist wichtig. Aber die Reise dürfte eigentlich immer weiter gehen.)
Trotzdem drehe ich mich unterwegs immer wieder um und blicke zurück dorthin wo ich herkam. Die Hundalshytta liegt am Abend ruhig zwischen den Bergen.
In der großen Hütte bin ich allein. In der kleinen nebenan übernachtet ein norwegisches Paar. Sie wundern sich über die Leere. Wochenende, Sonne und gute Bedingungen… normalerweise sei hier viel mehr los.
Mir gefällt es so.
Ich mache es mir für meinen letzten Hüttenabend gemütlich. Ich esse alles was ich noch übrig habe und für meinen letzten Tag auf dem Weg nach Narvik nicht mehr brauche. Ich könnte da auch hungern. Am Ziel ist ja wieder von allem eh zu viel da. Lange sitze ich am Tisch. Draußen sinkt das Licht an den Bergen hinunter.
Morgen werde ich in Narvik sein.
Ich sage es mir ein paarmal.
Morgen Narvik. Der Name, der wochenlang weit oben auf der Karte stand, ist plötzlich nur noch einen Wandertag entfernt.



Am nächsten Morgen steigt die Sonne über den Bergen auf in den Himmel. Ein, zwei Grad vielleicht. Der zweite blaue Himmel hintereinander.
Ich gehe los. Die letzten Kilometer. Es klingt so harmlos. Einfach nur noch bis Narvik.
Der Trail sieht das anders.
Nach einiger Zeit stehe ich vor einem Schneefeld, das bis an einen Bergsee reicht. Oberhalb führt der Hang steil hinauf. Keine Chance alles zu umgehen.
Unten stößt der Schnee direkt ans Wasser. Am Felsrand vorbeizuklettern versuche ich zuerst. Nach ein paar Metern sitze ich dort zwischen kleinen Tritten und glattem Stein. Ich scaffe es gearde noch so die Tritte rückwärts wiede zurückzufinden ohne abzurutschen.
Ich ziehe meine „Segelschühchen“ an und gehe ins Wasser. Der Plan ist einfach. Dicht am Ufer durch den See, am Schneefeld vorbei und dahinter wieder auf festen Boden. Das Wasser wird tiefer. Und tiefer. Sehr viel tiefer, als ich mir das vom Ufer aus zurechtgelegt hatte. Die Kälte fährt sofort durch die Beine. Ich taste mit den Füßen nach dem Grund und bleibe so nah am Fels, wie es geht. Das Wasser steigt weit hinauf. Bis knapp unter den Rucksack. Für einige Meter gibt es nur den nächsten Schritt und die Hoffnung, dass der Boden unter dem Fuß bleibt.
Dann wird es flacher. Ich steige auf die ersten Felsen.
Geschafft.
Ich bleibe kurz stehen und schaue zurück zum Schneefeld. Das brauche ich heute kein zweites Mal.
(das Video dazu hier: Ankunft in Narvik: Das Ende einer Reise | 700km nach Narvik Finale
Die „Segelschühchen“ lasse ich vorsichtshalber noch an. Dieses ewige Schuhe aus, Schuhe an, Socken aus und wieder an, Füße trocknen, wieder alles zusammenbauen… Ich bin schließlich auf einer Wanderung und nicht beim Schuhe kaufen…
Ein bisschen albern darf man nach so vielen Tagen allein ruhig werden. Einfacher wird es doch auch nach dieser Passage nicht. Felsen. Hoch und Runter. Klettern. Wieder hinauf. Ein wunderschöner Bergsee liegt zwischen den Hängen und bei jedem Blick dorthin denke ich, was für ein unglaublicher Tag das ist. Später beginnt der Abstieg. Es geht über Steile riesiege Steinplatten hinab. Auf fast allen liegt eine schwarze feuchte Schliere. Glatt wie Schmierseife. Auch hier bedeutete ausrutschen nicht nur einen Schreck…
Ich gehe überall außen herum. Dsa dauert ist aber unabdingbar. Der Hang fällt weit ab, und über mehrere Kilometer arbeite ich mich nach unten. Füße quer stellen. Fels prüfen. Den nächsten Absatz suchen. Zwischendurch stehen bleiben und die Knie entspannen. Bei Regen, Eis oder frischem Schnee würde ich hier oben sehr lange überlegen, ob ich diesen Abschnitt überhaupt betrete.
Aber heute scheint die Sonne. Heute komme ich hinunter.



Nach Stunden wird das Gelände zahmer. Noch ein Abstieg, noch ein Wegstück, dann taucht etwas auf, das beinahe fremder wirkt als jedes Schneefeld zuvor.
Asphalt. Eine Straße. Autos.
Ich stehe am Rand und sehe ihnen nach.
Wochenlang hatte es so etwas kaum gegeben. Vor wenigen Stunden watete ich noch am Rand eines eisigen Bergsees entlang und suchte zwischen Felsen nach einem sicheren Durchgang. Jetzt rauschen Autos an mir vorbei. Ich drehe mich um. Dort oben komme ich her.
Irgendwo zwischen diesen Bergen liegen Hemavan, Ammarnäs, Kvikkjokk, Padjelanta, Áhkká, die vielen Hütten, mein rotes Zelt, Flüsse, Sumpf, Geröll, Schnee und Tage, deren Namen ich später wahrscheinlich vergessen werde, während einzelne Sekunden bleiben. Mehr als siebenhundert Kilometer entfernt.
Jetzt fehlen ungefähr noch zwölf. Zweimal um den Maschsee, denke ich. Dann ist es vorbei. Ich gehe an der Straße entlang und werde wieder langsamer. Plötzlich habe ich sehr viel Zeit für zwölf Kilometer. Eine Pause wäre möglich. Noch einmal irgendwo sitzen. Egal wenn es ander Straße ist. Noch einmal den Rucksack neben mich stellen und so tun, als läge Narvik noch weit weg. Freude ist da.
Natürlich ist sie da.
Eine Dusche. Ein Bett. Essen. Viel Essen und der Nachtzug. Und endlich Ruhe für einen Körper, der längst danach fragt. Daneben sitzt etwas anderes.
Ich wollte so oft ankommen. Nun möchte ich noch ein paar Kilometer haben.
Narvik kommt trotzdem.
Häuser werden dichter. Verkehr. Kreuzungen. Geräusche aus einer Stadt, die sich nach Wochen im Fjäll fast übertrieben wichtig anhören. Ich gehe weiter bis zum Industriehafen und setze mich dort in die Sonne.




Das also ist Narvik.
Kein sehr feierlicher und hübscher Ort. Hafenflächen, 70er Jahre Gebäude, Wasser und Arbeit.
Ich finde ihn trotzdem ganz gut.
Die Wanderung endet hier.
Meine Reise hat noch einen letzten Teil.
Ich muss noch in den in den Nachtzug nach Stockholm steigen. Ohne Nachtzug endet bei mir eine Fernwanderung nie.
Ein Einzelabteil mit Waschbecken, Strom, einer breiten Sitzbank und einem Fenster. Nach Zelt, Hüttenpritschen und Schlafsack kommt mir dieser kleine Raum beinahe 5***** vor.
Vor mir liegen rund einundzwanzig Stunden Bahn. Diese Strecke einmal in einem Stück zu fahren haben ich mir schon lange gewünscht.
Die Sonne scheint immer noch.
Der Zug setzt sich in Bewegung. Narvik rutscht langsam am Fenster vorbei.
Dann kommen wieder Berge.



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