
Um 6.45 Uhr war der Tag schon da, obwohl es draußen noch aussah, als hätte die Nacht vergessen, sich zurückzuziehen.
Regen lag fein in der Luft. Ich war zu warm angezogen. Das merkte ich schon nach den ersten Minuten. Unter der Jacke wurde es heiß, der Rucksack saß dicht am Rücken, und gleichzeitig griff der Wind von vorn in die Kapuze, als wolle er mich daran erinnern, dass ich mich nicht zu früh freuen sollte.
Ich war so früh losgegangen, damit es bei Niederschlag wenigstens Schnne wäre und kein Regen. Wenn das Wetter ohnehin kommen wollte, sollte es mich oben weiß als nass erwischen. Der Wirtschaftsweg lag grau am Rand des Sees. Reifenrinnen voller Wasser, nasser Schotter. Kein Morgen, der sich Mühe gab, schön zu sein. Kein Licht über den Bergen. Keine Aussicht. Nur Grau in vielen Variationen.

Nach einer Weile kam mir ein Wagen entgegen. Er fuhr langsam, als der Fahrer mich sah, und hielt neben mir an. Auf der Tür stand der Name eines norwegischen Energieunternehmens. Das Fenster fuhr herunter. Der Mann fragte, woher ich komme, wohin ich gehe und ob alles in Ordnung sei.
Ich sagte, dass alles in Ordnung sei. Und das stimmte sogar. Nasse Schuhe und sowas sind kein Grund für ein „nicht in Ordnung“.
Im Kopf lag aber schon der Eispass bereit, obwohl er erst morgen kommen sollte. Und irgendwo hinter allem wartete immer noch diese Frage, die auf langen Wanderungen gern auftaucht: Was machst du eigentlich, wenn es anders wird als gedacht?
Aber im Großen war es in Ordnung. Ich hatte Wasser, Essen, eine Himmelsrichtung. Ich konnte gehen. Der Körper machte mit. Das war mehr, als man an manchen Tagen verlangen kann.
Der Mann nickte. Er sagte etwas über das Wetter, freundlich, ohne belehrenden Ton. Dann fuhr er weiter. Der Motor wurde leiser, verschwand hinter einer Kurve, und ich stand wieder allein auf dem Weg.
Solche Begegnungen dauern kaum zwei Minuten. Trotzdem bleiben sie im Gedächtnis. Jemand hält an. Jemand fragt. Nicht aus Pflicht, nicht weil man etwas falsch gemacht hat. Einfach, weil da ein Mensch mit Rucksack im Schneegestöber läuft und es denkbar wäre, dass er Hilfe braucht.
Bis zur Wand kam ich schneller voran, als ich erwartet hatte. Der Weg wurde schmaler, das Gelände unruhiger. Schotter ging in Fels über, Fels in nasses Gras, nasses Gras in Geröll. Dann stand ich vor dem Hang.
Schaut man auf die Karte, sieht es recht harmlos aus. Eine bunte Linie, die sich nach oben schlängelt. In Wirklichkeit war da aber kein Weg mehr im vertrauten Sinn. Eher ein Durcheinander aus Steinblöcken, Schneeresten, Wasser und schrägen Tritten. Die Wand war keine senkrechte Felsfläche. Aber sie war steil genug, dass Wandern zum falschen Wort wurde.
Ich kannte sie aus dem Jahr 2020. Damals war ich von oben gekommen und hatte mich beim Abstieg gewundert, warum der Weg einfach so in die Tiefe lief. Jetzt stand ich davor und begriff die andere Seite dieser Verwunderung.


Es ging hinauf. Langsam.
Nicht aus besonderer Vorsicht, sondern weil alles andere dumm gewesen wäre. Der Rucksack zog nach hinten. Die Steine waren glatt. Zwischen Schnee und Erde lag dieses nasse Gemisch, das jeden Tritt verdächtig macht. Ich setzte den Fuß auf, verlagerte Gewicht, wartete kurz. Erst dann kam der nächste Schritt.
Manchmal brauchte ich die Hände. Manchmal fand ich eine kleine Spur zwischen zwei Felsen, die nach Weg aussah. Dann verschwand sie wieder. Wasser lief den Hang hinunter und suchte sich seinen eigenen Pfad. Ich tat es ihm gleich.
Der Aufstieg bestand nicht aus einer einzigen großen Anstrengung. Es waren viele kleine. Eine Hand an kaltem Stein. Ein Schuh auf einer Kante. Ein Atemzug. Noch ein Schritt. Nach oben schauen. Nicht zu weit nach unten.
Irgendwann war ich oben, blieb stehen und drehte mich um.
Der Wirtschaftsweg lag weit unter mir. Nebel hing zwischen den Hängen. Der Wind traf mich jetzt ohne Schutz, ohne irgendetwas, das ihn aufhielt. Ich schaute hinab und fand mich richtig gut. Klingt komisch, ist es aber nicht. Ist eigentlich ziemlich wichtig.
Nicht auf diese unangenehme Art gut, bei der man sich selbst erzählen muss, wie stark man ist. Eher zufrieden. Ich hatte mir Zeit gelassen. Ich hatte aufgepasst. Ich war hochgekommen. Das darf man sich ruhig zugestehen.

Dann ging es weiter, hinein ins Fjäll.
Hier oben war wieder mehr Winter. Schnee lag in langen Flächen zwischen den Steinen, der Wind kam frei über die Hänge, und die Welt wurde groß. Für ein paar Sekunden sah ich weiter hinten einen Kamm. Dann schoben sich Wolken davor. Alles wechselte schnell. Sicht, Wind, Schnee und Schweigen.
Ich mochte es so sehr.
Die Weite macht nichts einfacher. Aber sie räumt manches aus dem Kopf. Kein Verkehr. Keine Türen. Keine Menschen, die etwas von dir wollen. Nur der Weg, der Rucksack, die nächste Stunde. Und das Wissen, dass am Ende des Tages eine Hütte auf mich wartete.
Allein dieser Gedanke machte viel aus.
Ein Dach. Ein Ofen. Holz. Ein Raum, in dem der Wind draußen bleiben muss. Man geht anders, wenn man weiß, dass irgendwo am Abend eine Tür aufgeht.
Doch hinter diesem Gedanken wartete schon der nächste.
Der Eispass.
Ich kannte ihn ebenfalls von 2020. Ein langes Feld aus Felsen schienbar endlos lang und steil und übereinandergeworfen. Alles verlangt schon bei gutem Wetter Aufmerksamkeit. Bei Eis, Schnee und Wasser auf dem Fels verändert sich jedoch alles. Dann kann ein Schritt, der eben noch harmlos war, plötzlich das Ende eines guten Tages sein. Im schlechtesten Fall das Ende der ganzen Wanderung.
Auf einer kleinen Anhöhe bekam ich einen Balken Empfang. Einen einzigen. Ich hielt das Telefon fast unbeweglich in der Hand und strecke es so hoch ich konnte. Man weiß ja, das dass hilft…
Der Wetterbericht lud langsam.
Wind. Regen. Schnee. Temperaturen um den Gefrierpunkt. Für die nächsten Tage sah es nicht danach aus, als würde sich etwas beruhigen. Eher würde es mehr werden.
Ich stand dort, der Schnee kam schräg von vorn, und im Kopf begann das alte Verhör.
Route ändern? Den Pass auslassen?
Nach unten auf Wirtschaftswege gehen?
War das vernünftig?
Oder war es nur Angst mit einem besseren Namen?
Eine Stimme sagte: Du hast die Route geplant. Du willst zur Hütte hinter dem Pass. Du kennst den Weg. Dann musst du das machen. Ein Plan ist ein Plan weil ein Plan ein Plan ist.
Eine andere sagte: Du kennst ihn eben deshalb. Du weißt, wie wenig es braucht, damit aus einem Weg etwas wird, das du nicht mehr gut kontrollierst.
Beide Stimmen waren laut. Beide klangen überzeugt. Und beide machten mich müde.
Ich ging weiter zur Hütte, ohne die Frage zu lösen.
Als ich ankam, war der Schnee zu Matsch geworden. Regen schlug gegen die Fenster. Nebel hing so dicht zwischen den Hängen und über den Seen, dass die Welt kaum weiter reichte als bis zum nächsten Stein. Ich machte Feuer, hängte die nassen Sachen auf, setzte Wasser auf und sah immer wieder hinaus.
Die Hütte hinter dem Eispass war so schön gelegen. Daran erinnerte ich mich gut. Ein besonderer Ort, weit draußen, weit weg. Gerade deshalb wollte ich dorthin. Nicht nur, weil sie auf der Route lag. Sondern weil sie etwas versprach, das man unterwegs selten findet. Das Gefühl, wirklich weit draußen angekommen zu sein. Und gute Erinnerungen.
Aber Wünsche verändern kein Eis.
In der Nacht hörte ich Regen auf dem Dach. Mal klang er weich, dann wieder hart, als würde jemand kleine Steine gegen die Hütte werfen. Der Wind kam in Stößen. Das Holz antwortete mit Knacken und leisen Bewegungen.
Ich dachte an Felsen unter Schnee. An die Möglichkeit, dass der Winter ein paar Tage früher beschlossen hatte, hier oben einzuziehen.
Am Morgen war die Entscheidung da.



Gar nicht schön und nicht befreiend. Ich wollte den Pass noch immer überqueren. Ich wollte nicht dieses bunte Band auf der Karte verlassen, die ich mir ausgesucht hatte. Aber draußen war das Wetter genau so, wie es angekündigt worden war. Nässe, Schnee, Wind. Alles, was am Vortag weich gewesen war, konnte über Nacht gefroren sein. Alles, was später unter Schnee verschwand, würde man nicht mehr sehen.
Ich würde den Eispass streichen.
Ich sagte es niemandem. Es gab niemanden, dem ich es erklären musste. Trotzdem fühlte es sich an, als würde ich etwas aufgeben. Ein Bild von mir vielleicht. Der Mensch, der die Route geht, auch wenn sie schwierig wird. Der nicht ausweicht. Der keine Abkürzung nimmt. Der keine Hilfe annimmt, solange die Beine noch funktionieren.
Dann packte ich den Rucksack und ging.
Der Weg führte zunächst durchs Fjäll und später hinunter zu den Wirtschaftswegen. Zweimal musste ich furten. Beim ersten Fluss ging das Wasser über die Knie. Schuhe aus. Socken aus. Hose hoch. Rucksackgurte lockern.
Das Wasser war so kalt, dass der Körper einen Moment lang nur noch aus Füßen bestand.
Ich schaute nicht lange hinunter. Wenn man in solchen Augenblicken zu viel denkt, wird aus Kälte schnell eine dramatische Seifenoper. Ich konzentrierte mich auf die Stöcke, auf die Steine unter dem Wasser, auf das andere Ufer. Nach wenigen Minuten waren die Schuhe wieder an den Füßen. Nass, kalt und unangenehm.

Eine alternative zum Wirtschaftsweg sollte es geben. Auf der Karte war sie klar eingezeichnet. Aber ich fand den Einstieg nicht. Ich suchte ihn. Ging ein Stück vor, zurück, zum Waldrand, an den Hang. Keine Markierung. Keine Spur. Kein Durchgang.
Also blieb nur die Straße.
Sie zog sich in langen Serpentinen bergab. Der Regen wurde stärker. Ich rechnete aus, wie lange ich bis Ortxy brauchen würde. Zwei Stunden vielleicht.
Dann hielt ein Auto neben mir. Der Fahrer war Schwede. Er fragte ebenfalls, woher ich komme und wohin ich will. Ich erklärte es ihm. Er nickte, setzte schon wieder an und fuhr ein Stück weiter. Dann bremste er. Das Fenster ging noch einmal herunter.
Ob ich mit nach unten wolle.
Früher wäre die Antwort sofort Nein gewesen. Ich laufe alles.
Dieser Satz stand nirgendwo, aber er lebte irgendwo in mir. Ein unsichtbares Gesetz. Ein Weg zählt nur, wenn jeder Meter aus eigener Kraft kommt. Als würde der Körper am Ende einen Stempel bekommen. Bestanden. Nicht geschummelt.
Doch an diesem Tag hatte ich die Route bereits verändert. Der Eispass lag hinter einer Entscheidung, die ich nicht getroffen hatte. Der ursprüngliche Plan war nicht mehr der Plan. Warum sollte ich jetzt etliche Kilometer Straße laufen, nur damit eine müde Stimme im Kopf nicht das Wort schwach flüstert?
Also sagte ich ja.
Ja, gerne. Danke.
Zehn Minuten später waren wir unten. Die Serpentinen verschwanden hinter der Autoscheibe. Nasser Wald zog vorbei. Der Wagen roch nach Kaffee und Arbeitshandschuhen. Ich wartete auf ein unangenehmes Gefühl. Auf Scham. Auf das Bedürfnis, mir selbst zu erklären, warum das jetzt doch erlaubt gewesen war.
Es kam kaum etwas.
Der Fahrer setzte mich ab, wir verabschiedeten uns, und dann war ich wieder allein.
Von dort führte ein Weg in den Wald. Ich hatte eine Hütte ausgesucht, eine Statskog-Hütte. Auf der Karte hatte es so ausgesehen, als könne man einfach hineingehen. Bald würde ich ein Dach sehen, dachte ich. Einen Tisch. Einen Ofen. Trockene Socken. Diese kleinen Dinge, die nach Stunden im Regen fast unwirklich wirken.
Die Hütte stand da.
Die Tür war verschlossen.
Ich probierte den Griff noch einmal. Dann noch einmal. Nichts.
Ich schaute nochmal auf die Karte und erkannte, das ihre Farbe dort anders war. Kein Schlüsselsymbol auf der Hütte, aber die Farbe war anders. Bedeutet, nur zu mieten… Ich hatte die Karte falsch gelesen. Oder ich hatte nur gesehen, was ich sehen wollte.
Online war die Hütte noch frei. Fjellbu, zu mieten vom Statskog.
Das fühlte sich im ersten Moment wie Glück an. Diese Idee von das Universum sorgt für dich…
Ich stand unter einem kleinen Vordach, Wasser tropfte von der Kapuze, das Telefon in den Händen. Ich buchte. Ich bezahlte. Die Bestätigung erschien sofort.
Dann wartete ich auf den Code.
Keine SMS.
Keine E-Mail.
Kein Code.
Ich prüfte den Empfang, die Buchungsseite, das Postfach. Schaltete das Telefon aus und wieder an. Wartete. Noch einmal warten.
Später würde ich herausfinden, dass der Code bei einer norwegischen Nummer sofort verschickt wird. Bei ausländischen Nummern kann es Tage dauern. Später würde ich auch lesen, dass es keine Erstattung gibt.
In diesem Moment wusste ich davon nichts.
Ich wusste nur, dass die Tür nicht aufging.
In der Nähe stand ein langer offener Unterstand. Ein Dach, vorne frei, darunter ein Tisch und ein paar geposlterte Bänke. Davor lag etwas, das ich für eine Baugrube oder Bauplatz hielt. Vielleicht ein Platz für Arbeiter, dachte ich.
Ich mochte solche besonderen Plätze zum schlafen. Genauso wie z.B. letztes Jahr die keline Bahnhofshalle in Reitan, Norwegen.

Das war erst einmal entscheidend.
Der Wald wurde langsam dunkel.
Die verschlossene Hütte stand ein Stück entfernt zwischen den Bäumen. In meiner Vorstellung war sie warm. In Wirklichkeit blieb sie still. Mein Telefon lag neben mir auf dem Tisch. Der Bildschirm blieb leer.
Ein Tropfen fiel von der Dachkante.
Dann noch einer.
In regelmäßigen Abständen, als würde irgendwo jemand zählen.
Ich legte den Schlafsack auf die Bank, schob die Schuhe darunter und fragte mich, wie kalt es in der Nacht werden würde. Auf der anderen Seite der Lichtung lag dunkel dieser Bauplatz.
Erst am nächsten Morgen würde ich erfahren, dass sie etwas ganz anderes war.
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