
Um 5.15 Uhr schiebe ich mich aus dem Schlafsack.
Unter dem Dach ist es noch dämmrig. Der Tisch vor mir glänzt feucht, an einer Ecke hat sich Wasser gesammelt. Meine Schuhe stehen darunter, dunkel und kalt.
Ich ziehe sie an, packe den Schlafsack zusammen, stopfe alles in den Rucksack und höre dabei immer wieder auf die Geräusche draußen.
Ich rechne mit einem Motor.
Mit zuschlagenden Autotüren, Stimmen, Männern in Arbeitskleidung, die sich wundern, warum hier einer zwischen Bank und Tisch geschlafen hat.
Es kommt aber niemand.
Als ich später mit dem Rucksack auf dem Rücken den Platz verlasse, sehe ich vorne an der Hauptstraße das Schild.
Skjutbana.
Ich kenne das Wort. Man liest es in Schweden fast so oft wie „Kör sakta – lekande barn“.
Es bedeutet Schießplatz.
Ich drehe mich noch einmal um. Der offene Unterstand, die Bänke, der Tisch. Daneben das Gelände, das ich gestern für eine Baugrube gehalten habe.
Gut. Habe ich also auch mal auf einem Schießplatz geschlafen.
Man schläft unterwegs an erstaunlichen Orten, sobald ein Dach, eine ebene Fläche und genügend Müdigkeit zusammenkommen. Und manchmal erfährt man erst beim Gehen, wo man eigentlich gewesen ist.
Den Artikel zu den Tagen davor findest du hier:
Hemavan-Narvik: Skoaddejavre & keine Hütte (km 572 – 608)

Der frühe Start hat einen Zweck. Für später ist Regen angekündigt, und ich möchte möglichst viel Strecke hinter mich bringen, bevor er richtig einsetzt.
Der Wirtschaftsweg macht es leicht.
Nach den vergangenen Tagen fühlt sich Schotter beinahe luxuriös an. Keine Felsen, unter denen der Fuß verschwindet. Kein Schnee über Geröll. Keine Suche nach der nächsten roten Markierung. Ich kann gehen, ohne auf den Boden schauen zu müssen.
Über den Bergen hängt tiefes Grau. Es nieselt gelegentlich, kaum mehr als feuchte Luft. Die Jacke bleibt lange fast trocken. So ziehen die Kilometer schnell vorbei.
Ich denke wenig. Das gefällt mir.
Die Beine wissen, was sie zu tun haben und der Weg fragt mich nicht nach Entscheidungen. Nach all dem Abwägen der letzten Tage ist das eine Wohltat.
Keine Frage nach Eispass oder Umweg. Kein Eis unter Schnee. Kein Fluss, bei dem ich am Ufer stehe und die Schuhe ausziehen muss.
Nur gehen.
Gegen späten Vormittag taucht die Lossihytta auf.


Lossihytta
Ich bin gespannt auf die Hütte. Laut Buchungssystem ist sie komplett belegt. Mein Schlafplatz war der letzte freie gewesen. Ich rechne mit Rucksäcken vor der Tür, nassen Sachen über jeder Stuhllehne und diesem besonderen Hüttenlärm, der entsteht, wenn viele Menschen gleichzeitig versuchen, wenig Raum für sich zu beanspruchen.
Doch als ich eintrete, ist niemand da.
Ich stelle den Rucksack ab.
Die Hütte wirkt fast ungewöhnlich komfortabel. Strom. Steckdosen. Elektroherd. Elektrisches Licht, Kochen ohne Brennstoff, ein Telefon, das geladen werden kann, ohne dass man auf die letzten Prozent schaut.
Der Grund für die Beliebtheit liegt vermutlich zwölf Kilometer weiter unten. Dort kann man parken. Wer möchte, erreicht Lossi an einem Tag, ohne vorher eine Woche durch Schnee und Sumpf gegangen zu sein.
Ich öffne die Schränke. Gibt´s ja nicht…
Kartoffelpüree.
Schon wieder. Diesmal steht daneben sogar Zucker.
Ansonsten finde ich kaum etwas Brauchbares und bereite mir eine große Portion zu. Das Pulver wird im Topf zusammen mit dem Wasser zu einer blassen Masse, die besser aussieht, als sie schmeckt. Ich esse trotzdem alles. Der Bauch ist danach voll. Der Hunger bleibt.
Seltsam…
Das ist inzwischen ein seltsamer Zustand. Essen hinein, Wärme spüren, Teller leer und eine Stunde später meldet sich der Körper wieder, als hätte die Mahlzeit nur kurz an die Tür geklopft. Offenbar lässt sich das Defizit der vergangenen Tage nicht mit einem Kilo Kartoffelpüree überreden.
Ich sitze am Tisch auf einer Bank am Fenster. Der Nieselregen ist inzwischen dichter geworden. Kleine Tropfen laufen über die Scheibe und schieben die Berge auseinander. Draußen verschwinden die Konturen nach und nach im Grau. Meine Beine fühlen sich schwer an. Auch die Arme.
Eigentlich fühlt sich alles schwer an.
Für die Herkunft dieser Erschöpfung brauche ich keine lange Analyse. Die letzten Tage reichen als Antwort.
Die Traurigkeit ist schwieriger. Sie ist plötzlich da. Kein Ereignis davor, kein bestimmter Gedanke. Ich sitze einfach auf dieser Bank und merke, dass etwas in mir dunkler geworden ist. Vielleicht liegt es am nahenden Ende der Tour.
Sie zwar noch nicht vorbei. Aber es sind nur noch zwei Tage. Vor einer Woche lagen fast alle Tage vor mir. Nun beginnen die letzten Abschnitte. Orte, die ich lange nur als Namen auf der Karte kannte, tauchen auf und verschwinden hinter mir. Irgendwann wird der letzte davon kommen.


Vielleicht liegt es auch daran, dass die Hütte heute voll werden soll.
Menschen.
Gespräche.
Fragen.
Woher kommst du? Wohin gehst du? Wie lange bist du schon unterwegs? Alles vollkommen harmlose Sätze. Trotzdem wünsche ich mir gerade keinen davon.
Oder die Traurigkeit hat einen anderen Grund. In diesem Moment kann ich es nicht herausfinden.
Also sitze ich da. Und nach einer Weile beginnt das nächste Problem. Ich kann offenbar selbst an einem solchen Tag nicht einfach auf einer Bank sitzen.
Im Kopf wird sofort eine Liste geöffnet.
Tagebuch. Die Route der nächsten Tage. Fotos sortieren. Ein paar Filmaufnahmen. Nach Motiven schauen.
Vielleicht etwas schreiben.
Vielleicht planen.
Vielleicht die Zeit sinnvoll nutzen.
Und besonders dieses „sinnvoll“ richtet erstaunlich viel Schaden an. Ich nehme das Notizbuch aus dem Rucksack. Lege es auf den Tisch. Schaue hinaus. Schreibe nichts. Dann nehme ich das Telefon. Öffne die Wettervorhersage, sehe nichts weil der Empfang fehlt und lege es wieder weg.
Ich könnte schlafen. Auch das mache ich nicht. Wenn später alle kommen die sich online angekündigt hatten, werde ich davon wach. Danach kann ich womöglich nie mehr einschlafen. Also bleibe ich lieber gleich wach.
Ein hervorragender Plan…
So verbringe ich den Nachmittag damit, mich weder auszuruhen noch etwas zu tun.
Irgendwann bemerke ich, wie absurd das ist. Ich sitze in einer warmen Hütte mitten in den Bergen. Draußen fällt Regen. Ich habe keinen Termin, keinen Menschen, der etwas erwartet, keine Aufgabe, die heute fertig werden muss.
Und schaffe es trotzdem, aus einem freien Nachmittag etwas zu machen, bei dem ich versagen kann.
Ich lehne den Kopf an die Wand.
Für eine Weile lasse ich das Notizbuch geschlossen. Mehr gelingt mir nicht.
Es wird immer später.
Niemand kommt.
Sechzehn Uhr.
Siebzehn Uhr.
Achtzehn Uhr.
Es erhob sich ein gepolter…
Die ausgebuchte Hütte bleibt so leer, dass ich irgendwann sogar wieder nachsehe, ob ich mich beim Datum vertan habe.
Um 19.30 Uhr gebe ich das Warten auf und krieche in den Schlafsack.
Dann ist eben niemand da. Ich schlafe schnell ein. Um kurz nach neun reißt mich ein gepoltert hoch.
Licht wandert unter der Tür entlang. Stimmen draußen. Mehrere. Kinder sind dabei. Jemand stößt irgendwo gegen etwas, Türen gehen auf, Rucksäcke landen auf Holz.
Für ein paar Minuten ist die Hütte genau so, wie ich sie mir den ganzen Nachmittag vorgestellt hatte.
Voll und laut. In Bewegung. Ich liege still und höre zu. Die Tür zu meiner Schlafkammer wurde noch nicht geöffnet.
Dann werden die Stimmen fragend. Schritte gehen wieder hinaus. Noch ein kurzes Durcheinander.
Sie sind in der falschen Hütte.
Die Familie hat die kleinere Hütte die ein paar Meter hinter der Haupthütte steht für vier Personen gebucht.
Nach einigen Minuten fällt die Tür ins Schloss.
Stille.
Ich warte noch auf die anderen Gäste. Wenn nicht jetzt, wann dann…?
Sie kommen nicht.
Die angeblich ausgebuchte Lossihytta gehört mir in dieser Nacht allein. So viele Gedanken verschwendet an etwas das nicht passiert ist. Schon wieder…

Am nächsten Morgen bin ich um 7.30 Uhr draußen.
Die Sonne kommt gerade über die Berge. Nach all dem Grau der vergangenen Tage wirkt das Licht fast körperlich. Es liegt auf den nassen Steinen, glitzert auf kleinen Wasserflächen und zieht über die Hänge. Der Himmel ist blau. Wirklich blau. Kein schmutziges Loch zwischen Wolken, sondern Weite.
Ich gehe Richtung Hunddalshytta.
Schon nach kurzer Zeit öffnet sich vor mir ein grünes Tal. Der Regen hat die Farben satt gemacht. Moos, Gras, niedrige Büsche, dazwischen Wasser, das in hellen Sprüngen hinunterläuft. Weiter oben stehen die Berge dunkel dagegen.
Und irgendwann sehe ich den Gletscher. Er liegt unter den Gipfeln, weiß und bläulich, mit Schatten in den Brüchen. Von weitem wirkt seine Fläche fast glatt. Erst wenn ich länger hinsehe, erkenne ich Risse, Kanten, dunklere Stellen. Ich gehe langsamer. Heute drängt wirklich nichts.
Das Wetter bleibt klar. Kein Pass wartet mit Eis. Keine Entscheidung hängt über den nächsten Kilometern.



Unterhalb eines Berges suche ich mir einen Platz.
Ein paar Steine bilden eine trockene Fläche. Der Gletscher liegt auf der anderen Seite des Tals. Ich stelle den Rucksack ab, hole etwas zu essen heraus und bleibe sitzen.
Dann fällt mir die kleine Dose mit den Seifenblasen ein. Ich habe sie schon eine ganze Weile dabei. Seit Kvikkjokk.
Eigentlich ein völlig überflüssiger Gegenstand für eine Wanderung, bei der jedes Gramm irgendwann schwer wird.
Eigentlich… aber das ist eine andere Geschichte.
Ich schraube den Deckel auf.
Der Ring ist klebrig von der Flüssigkeit. Ich halte ihn in den Wind.
Die erste Blase entsteht schief, hängt einen Augenblick am Ring und platzt noch vor meiner Hand.
Beim zweiten Versuch löst sich eine. Sie steigt ein Stück auf, wird vom Wind erfasst und fliegt hinaus über das Gras.

Dann noch eine. Und noch eine. Plötzlich schweben sie vor dem Tal. Kleine, glänzende Kugeln vor dem Gletscher. In ihrer Oberfläche liegen für Sekunden Blau, Grün, Fels und Sonne übereinander. Manche platzen sofort. Andere schaffen es erstaunlich weit. Eine steigt hoch und zieht seitlich am Hang entlang, bis ich sie nicht mehr erkennen kann.
Ich mache neue. Einfach so.
Ich sitze unter diesem Berg, bin seit Tagen müde, habe Hunger, war gestern traurig und weiß noch immer nicht genau weshalb.
Vor mir liegt jahrtausendealtes Eis.
Und dazwischen fliegen Seifenblasen.
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